Den Ausgangspunkt des Ausstellungsprojektes Ostensiv bildet die Stadt Leipzig am 10./11.11.01. Zum Auftakt dieses orts- und stellungswechselnden Projektes stellen wir uns zunächst einen Raum/Rahmen des (austauschenden) Kennenlernens zwischen allen Interessierten (Künstlern und Zuschauern) vor.
Die im Weiteren zu folgende Fragestellung nach dem Wesen von kulturellen, nationalen oder "verflüssigten" Identitäten, Räumen/(Öffentlichkeiten) und Bewegungen zwischen den ehemaligen Blöcken Ost und West und in den "Transformationsländern" (z.B. - Identisch - womit ? ), soll durch das erste Kennenlernen in Leipzig, spontane Begegnungen und Gespräche vor Ort, aufgerissen werden.
Parallel zu einem Forum, auf welchem Gespräche mit den Künstlern möglich werden, wird als Begleitprogramm wird eine ganztägige eine Präsentation von dokumentarischen wie künstlerischen Videofilmen aus und über die Fragen der Identität / Ost und West / Fremdheit / Glauben / EmMigration / Illusion stattfinden.


FILME

NaTragu
Kostana Banovic
, Video, NL, 2001, 21 min
NaTragu entstand auf einer Reise nach Serbien. Im Jahre 1992 färbten sich plötzlich fünf Seen im Grenzgebiet zwischen Süd-Serbien, Bosnien und Montenegro blutrot. Die Wasseroberfläche war von einer schmierigen, einige Zentimeter dicken Schicht bedeckt. Die einzelnen Flecken wuchsen und erreichten eine Länge von zwei bis drei Kilometern. Die Experten standen vor einem Rätsel. Handelte es sich etwa um die Oscillatoria rubescens, eine äußerst selten vorkommende Algenart? Die Natur widersprach jedoch dieser Version, denn Algen können sich nur bei großer Hitze verbreiten, und die Seen blieben auch im Winter rotgesprenkelt. Diese Erscheinung stellt den Ausgangspunkt von NaTragu dar. Sind die roten Seen Stigmata von Jesus? Der Film beginnt in der irdischen Landschaft, wird zunehmend metaphysischer und endet im Paradies. Es kommt zu einer Untersuchung der Gesetzmässigkeiten und Verhaltensweisen des Religiösen. Macht der Glaube uns zu besseren Menschen?
Skript, Regie: Kostana Banovic
Kamera, Schnitt: Boris Everts
Tonbearbeitung: Katerina Pejoska und Floris van Bergeijk
Der Traum vom Fliegen
Zoran Solomun, 1999

Oh Muttererde, Vaterland
Florian Wüst
, 16mm, D, 1999, 34 min
Ein filmisches Essay zur Ikonographie der Erinnerung in Deutschland. Ausgehend von der Kritik an der Neuen Wache in Berlin, seit 1993 die 'Zentrale Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland', untersucht Oh Muttererde, Vaterland die wirkungsvolle Verknüpfung von politischer Symbolik und christlicher Ikonographie. Das Bild des geopferten Sohnes in den Armen der Mutter wird zum Faden einer unverfroren assoziativen Collage aus eigenem und gefundenem Material.
Skript, Kamera, Bildschnitt, Regie: Florian Wüst
Musik, Tonschnitt: Hans-Peter Thomas

"Frau Zinöcker: ‚My neighbour is a Russian artist.'"
Guia Rigvava
, 2001, 3 min
In diesem Kurzfilm stellt eine deutsche Frau einen russischen Künstler vor, der in ihre Nachbarwohnung gezogen ist. Mehr fiktiv als dokumentarisch, sowohl auf ironische als auch auf tiefsinnige Art und Weise behandelt der Film Grenzen und Fronten unserer heutigen, noch immer aufgeteilten Welt.

"Mittwoch" / "Wednesday"
Carsten Gebhardt
, 1999, 13 min, 16 mm/Farbe, 13 min, subtiteld in english
Ein Tag im Leben eines jungen Mädchens.
Den Nachmittag verbringt sie mit einem Mann.
Am Abend geht sie in einen Club.

"Dienstleistung Fluchthilfe"
Oliver Ressler und Martin Krenn
, 2001, 51 min
Die restriktiven Einwanderungsbestimmungen der Staaten der Europäischen Union bedeuten für MigrantInnen, dass diese kaum eine Chance haben, legal in die EU einzuwandern und sich in einem der Mitgliedsstaaten aufzuhalten. Die Inanspruchnahme von Fluchthilfe ist daher für diese einreisewilligen Menschen oft die einzige Möglichkeit, die Grenzen der "Festung Europa" zu überwinden. Das Video "Dienstleistung: Fluchthilfe‰ streicht positive Aspekte von Begriffen wie "Schlepper" oder "Schleuser" heraus, die in dominierenden medialen Diskursen negativ besetzt sind. Der Tatbestand "Schlepperei" wird dabei ˆ im Gegensatz zu weitverbreiteten Darstellungsmustern nicht als kriminelle Ausbeutung von Flüchtlingen dargestellt, sondern der Dienstleistungscharakter dieses Gewerbes hervorgehoben und die hegemonialen Darstellungsmuster von "Fluchthilfe" und Migration hinterfragt. Anhand von Gesprächen, die in Deutschland und Österreich mit politisch engagierten MigrantInnen und VertreterInnen linker Gruppierungen geführt wurden, wird die Thematik in den vier Abschnitten "Wer darf migrieren?", "Feiern und abschotten", "Zur Fluchthilfe" und "Gegen Rassismus" analysiert und kritisch kommentiert. So beschreibt ein Vertreter der aktivistischen Gruppe "Taxistas", wie in Deutschland TaxilenkerInnen wegen der Beförderung illegalisierter Menschen als "Schleuser" kriminalisiert werden. Der Abschnitt "Feiern und abschotten" ist eine "Kurzreportage" über die neuesten Kriegsgeräte zur Grenzsicherung, die von Soldaten auf einer am österreichischen Nationalfeiertag abgehaltenen Feier des Bundesheeres am Heldenplatz in Wien bereitwillig präsentiert wurden. Im Abschnitt "Zur Fluchthilfe" zeigt ein Gespräch mit einem leitenden Bundesgrenzschutzbeamten in Frankfurt an der Oder widersprüchliche Argumentationen auf, mit welchen versucht wird, rassistische Abschottungsmechanismen zu legitimieren.

"homeworks & Langweilige Geschichten"
Ventsislav Zankov, Video-Art und Perfromance-Dokumentationen, insgesamt 16 min

Der Traum vom Fliegen
Zoran Solomun
, 1999, ca. 90 min
Selbst aus einer Soldatenfamilie stammend, hat Autor und Regisseur Zoran Solomun die Einflüsse des Militärs auf den bürgerlichen Alltag stets mit großem Interesse beobachtet. In "Traum vom Fliegen" stellt er vier junge Männer aus Brandenburg mit ihren Familien vor. Allen vieren ist gemeinsam, dass sie Berufssoldaten werden wollen, das heißt dass sie den Dienst in der Bundeswehr jeder zivilen Berufsausbildung vorziehen. Brandenburg, Wiege des preußischen Staates, ist altes Soldatenland, hier genießt das Militär in der Bevölkerung unverändert höchstes Ansehen, wie dies auch in der "Traditionspflege", das heißt in allerlei Umzügen und Maskeraden mit alten Waffen und Uniformen zum Ausdruck kommt. Zum Glück ist die Armee von heute seit 1990 auch hier eine der Verfassung einer Demokratie verpflichtete Berufsarmee. Dem Militarismus der Vergangenheit ist also - bei aller noch lebendigen Nostalgie - der Boden entzogen. Mit unverkennbarer Wehmut vergleicht der Autor die Entwicklung im östlichen Teil Deutschlands mit der in seiner eigenen Heimat, dem ehemaligen Jugoslawien, wo die Armee immer noch ein Staat im Staat ist. Mit den bekannten schrecklichen Folgen.